Kirche - Turmkreuz

Im Zuge der Instandsetzung 1983 unserer Kirche Heilig Kreuz mussten auch das Dach und der Turm neu eingedeckt werden. Die alte Eindeckung aus Schiefer wurde entfernt und Schäden am Holzverband des Turmes beseitigt. Dazu musste das über 4 m hohe Kreuz an der Spitze des Turmes abgenommen werden. Es zeigten sich große Schäden an den Schmuckblüten und Verzierungen. Das Eisen zerfiel teilweise beim Anfassen. Was war zu tun? Material und Geld für eine Reparatur gab es nicht. Das Kreuz ohne Schmuck wieder auf den Turm bringen?
Und nun beginnt eine Geschichte, die so unwahrscheinlich klingt, dass sie aufgeschrieben werden muss.
1983 - Deutschland war geteilt in Ost und West: Grenze, Zoll, Warteschlangen, Ausreise- und Einreiseerlaubnisse und -formalitäten. Einige werden sich noch erinnern. Damals befanden sich ein ehemaliges Gemeindemitglied und seine Frau, die noch sehr mit ihrer Heimatpfarrei verbunden sind, gerade hier in Frankfurt (Oder). Herr Georg Wagner hörte von unserer Not und war sofort bereit, uns zu helfen. Vorsichtig wurden zwei Blüten mit Stiel und Verzierungen vom Kreuz abgebaut und auf das Dach des wagnerschen Autos verladen. Was würde der Zoll an der Grenze sagen?

Bei der Zollkontrolle am Grenzübergang Helmstedt entspann sich folgender Dialog:
Zöllner: Was haben Sie auf dem Dach Ihres Autos? Sind das Kunstgegenstände?
Herr Wagner: Es sind Teile vom Turmkreuz unserer Kirche in Frankfurt (Oder), die instandgesetzt werden sollen. Vom vollkommen desolaten Zustand können Sie sich überzeugen. Sie stellen keinen Wert dar.
Zöllner: Und was wollen Sie dann mit dem Schrott?
Herr Wagner: Versuchen, alles wieder zu reparieren.
Ungläubiges Staunen. - Kopfschütteln. So etwas war dem Zoll noch nicht vorgekommen. Das konnte doch nur ein religiöser Spinner versuchen. Nach Hinzuziehung eines zweiten Zollbeamten, der die Ladung ebenfalls begutachtete, wurde die "wertvolle" Fracht zur Ausfuhr in die BRD freigegeben.
Mit der Bemerkung des Zöllners in ironischem Unterton und mitleidigem Grinsen: Viel Spaß beim Instandsetzen.

In Neuss machte sich Herr Wagner sofort an die Arbeit, denn das Kreuz sollte ja bis zur Fertigstellung der Turmeindeckung auch wieder komplettiert sein. Mit Hilfe seines Bruders, Gisbert Wagner, ebenfalls ehemaliges Gemeindemitglied, wurden die Stiele, Blüten und Verzierungen originalgetreu aus hochwertigem Edelstahl angefertigt. Auch ein neuer Hahn, der alte war durch Blitzschlag vom Kreuz gestürzt, sollte wieder den Kreuzabschluss bilden. Tagelang wurde im Hobbyraum des wagnerschen Hauses gesägt, gefeilt und poliert. Wer schon einmal Edelstahlblech bearbeitet hat, kann sich vorstellen, welche Töne dabei entstanden. Frau Wagner war am Verzweifeln. Es gab keinen Raum im Haus, in dem nicht die sehr "melodischen" Töne zuhören waren.
Endlich war es soweit. Hahn und Blüten wurden verpackt, verladen und ab ging es wieder in Richtung Grenze. Was würde geschehen. Bange Stunden bei Herrn und Frau Wagner und bei uns Wartenden hier in Frankfurt (Oder).

An der Grenze in Helmstedt: Welche Überraschung. Die Kontrolle führte der gleiche Zöllner durch, der die Ausreise mit dem Schrott erlaubte. Auspacken des auf Hochglanz polierten Hahns und der Blüten.
Zöllner - sprachlos. Das Staunen noch größer als bei der Ausreise. "Ist das Silber? Wer bezahlt das? Unbegreiflich."
Herr Wagner: Es ist alles aus Edelstahl. Bezahlen tut es niemand. Das ist ein Geschenk an unsere Heimatpfarrei. Weitere Zöllner wurden hinzugezogen. Immer wieder anfassen, über den Hahn streichen. Ausspruch: Dass man so etwas machen kann; so etwas haben wir noch nie gesehen!
Frage: Das ist alles umsonst und für die Kirche?
Hintergrund: Es gibt doch noch Idealisten.

Die Fracht wurde freigegeben und kam rechtzeitig in Frankfurt (Oder) an. Es geschehen manchmal doch noch Wunder - auch im real existierenden Sozialismus. Dank den Spendern und Dank dem Herrn für seine Begleitung.