Hochschulseelsorge

Impulse

Meine, deine, unsere Sprache

Man sollte meinen, eine Sprache, die beide Seiten verstehen, erleichtert die Kommunikation.

Wenn wir in die Ukraine schauen, scheint das aber nicht der Fall zu sein. Dort wachsen die Menschen in der Regel mehrsprachig auf, das Russische und das Ukrainische werden normalerweise verstanden – je nach Region ist die aktive Nutzung der Sprache verschieden, aber verstanden wird die jeweils andere Sprache.

Karl Schlögel, emeritierter Professor der hiesigen Europa-Universität Viadrina, schreibt in seinem Aufsatzband „Entscheidung in Kiew“ dazu:

Die Vermischung ist hier eigentlich die Regel, nicht die Ausnahme. Fast alle Ukrainer haben Verwandte in Russland, die russisch-ukrainische Ehe und Familie ist durch viele Generationen der Wanderung - der Arbeit, aber auch der durch Deportationen erzwungenen - ein unzerreißbarer Zusammenhang. Akademische und politische Karrieren führten über Generationen hin nach Petersburg und Moskau, wie umgekehrt das Russische - auch erzwungen durch Verbote und Diskriminierung - die Sprache der Schulen, der Universitäten und der Medien war. Im öffentlichen Raum das Russische, im Familien- und Freundeskreis das Ukrainische, eine gelebte Zweisprachigkeit bis hin zur Ausbildung einer spezifischen Mischsprache, des Surschyk, in den Zonen des intensivsten Sprachkontakts. In keinem Land Europas, nicht einmal in Belgien oder der Schweiz, dürfte die Zweisprachigkeit so gut funktioniert haben und noch funktionieren wie in der Ukraine

Man kann schon etwas daran zweifeln, dass es immer so friedlich gewesen ist. Aber nichtsdestotrotz scheint es so, dass gerade die Vermischung und die Nähe dazu führt, dass man sich nicht versteht.

Denn es ist verführerisch zu glauben, dass eine gemeinsam beherrschte Sprache zu tatsächlichem inneren Verständnis führt. Verstehen ist nicht gleich verstehen.

Im Falle Russlands war wenig inneres Verständnis gegeben – dafür herrschte oftmals das Gefühl der Überlegenheit über die Sprache des Anderen vor. Russisch galt als lingua franca, alle anderen Sprachen der so genannten „Brüdervölker“ nur zweitrangig.

Eine solche Haltung führt zu Überheblichkeit – und unter Umständen dazu, dass eine Nation und ihre Sprache nicht als vollwertig anerkannt wird.

Aktuell ist das einer der Gründe für diesen Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt.

 

Und doch bleibt die Sprache wichtig!

Das haben wir auch beim Pfingstfest am letzten Wochenende gefeiert – alle Menschen konnten die Apostel Jesu verstehen, nachdem sie Gottes Heiligen Geist empfangen hatten.

Doch hier war es andersherum: Sie verstanden plötzlich die ihnen eigentlich fremde Sprache – und ließen sich ansprechen.

In ähnlicher Weise möchten wir hier in Frankfurt (Oder) die Kommunikation symbolisch erleichtern und zum gegenseitigen Verstehen einladen.

Und wir tun dies in den nächsten Wochen mit einer Kunstaktion, die von Zeit zu Zeit stattfinden wird.

Dabei wird jeweils ein prägnantes Wort in drei Sprachen – Polnisch, Deutsch und Ukrainisch – auf einen Gehweg gemalt.

In der Nähe der Oderbrücke können Sie das bereits sehen und auch vor dem Gemeindehaus Kreuz in Frankfurt West haben Jugendliche bereits das abgebildete Wort auf den Boden gemalt.

Auf diese Weise möchten wir die hier angekommenen Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, willkommen heißen.

Wir wollen zeigen, dass Mehrsprachigkeit ein Gewinn ist.

Wir wollen eine integrative, einladende und offene Universität und Doppelstadt zeigen.

Wir wollen neue Bedeutungsebenen der Worte durch das Aufmalen an bestimmten Orten zeigen und den Orten eine neue Aufmerksamkeit schenken.

Wir wollen irritieren, erheitern und Menschen aus verschiedensten Kontexten zusammenbringen.

 

Damit, damals in Jerusalem und heute in Frankfurt (Oder), die Sprachen zum wirklichen Verstehen beitragen – und zum Frieden. Wenigstens hier im Kleinen.