Hochschulseelsorge

Impulse

Ohne Gott?!

Als ich vor einiger Zeit in einem Auswahlband mit Gedichten von Tadeusz Różewicz blätterte, wurde ich fast erschlagen von der existenziellen Kraft des folgenden Gedichts.

Es spiegelt in Anlehnung an biblische Worte die Last und die Pein, die Größe und Bedeutung, aber auch die Belanglosigkeit und die Nebensächlichkeit der Gottesfrage für uns heute Lebende.
Für mich ist es zudem eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Alltagsatheismus, der auch Menschen erfassen kann, die sich als gläubig ansehen.

Vielleicht ist es auch für euch eine Meditation wert:

Ohne

das größte ereignis
im menschenleben
sind die geburt und der tod
Gottes

vater Vater unser
warum hast Du
wie ein böser vater
nachts

ohne ein zeichen
ohne ein wort – spurlos

warum hast Du mich verlassen
warum habe ich Dich verlassen

ein leben ohne gott ist möglich
ein leben ohne gott ist unmöglich

nährte ich mich doch schon als kind
von Dir
aß Deinen leib
trank Dein blut

vielleicht verließest Du mich
als ich versuchte die arme zu öffnen
das leben zu umarmen

leichtfertig
breitete ich die arme aus
und gab Dich frei

vielleicht aber bist Du geflüchtet
weil Du mein lachen
nicht ertrugst

Du lachtest ja nicht
oder vielleicht straftest Du mich
das kleine beschränkte wesen
wegen meines starrsinns
wegen meines hochmuts
dafür
weil ich zu erschaffen versuchte
einen neuen menschen
eine neue sprache

Du verließest mich ohne flügelrauschen
ohne blitz und donner
wie eine graue feldmaus
wie wasser im sand versickert
und ich vielbeschäftigt und zerstreut
habe Deine flucht
Dein fortsein aus meinem leben
gar nicht wahrgenommen

ein leben ohne gott ist möglich
ein leben ohne gott ist unmöglich


(März 1988 - März 1989)

 

 

Quelle: T. Różewicz, Zweite ernste Verwarnung. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska. München Wien 2000, 37f.